Der Mythos vom Mythos

Im April 2015 fand das fünfte Gießener Studierendenkolloquium unter dem Titel ‚Der Mythos vom Mythos – Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mythische in Künsten und Wissenschaften‘ im Alexander-von-Humboldt-Gästehaus der Justus-Liebig-Universität Gießen statt. Die Tagung ist von den Student_innen Kristin Rudersdorf, Saskia Schomber und Florian Sommerkorn organisiert worden.

Konzept

Hans Blumenberg hat die Komplexität des Mythos als interdisziplinärem Forschungsgegenstand einmal treffend beschrieben: „Disposition zur Vieldeutigkeit ist immer auch etwas an der Sache selbst.“ (in: M. Fuhrmann, Hrsg., Terror und Spiel. Probleme der Mythenrezeption, München 1990, S. 12) Er bezieht sich damit auf die spannende, aber auch verwirrende Präsenz des Mythos und des Konzepts des Mythischen in allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Diese Vieldeutigkeit des Mythos muss in seinen Augen auch etwas über das Wesen des Forschungsgegenstandes aussagen. Der Mythos als kulturellem, historisches und ästhetisches Phänomen ohne einheitliche Definition stand auch im Zentrum des 5. Gießener Studierendenkolloquiums: Der Begriff „Mythos“ spielt nicht nur im akademischen Diskurs immer wieder eine zentrale Rolle, sondern ist auch in der Alltagssprache präsent. Auf Grund seiner divergierenden kulturellen und medialen Kontexte ist er kaum oder vielleicht immer nur in bestimmten Relationen zu definieren. Daher stand das Kolloquium 2015 unter einem Titel, der die Flüchtigkeit und zugleich Reichweite des Begriffs zum Ausdruck bringt: „Der Mythos vom Mythos – Interdisziplinäre Perspektive auf das Mythische in Künsten und Wissenschaften“. Das Ziel der Tagung war es nicht, zu einer gemeinsamen Definition des Mythos zu finden, sondern vielmehr seine Leistungsfähigkeit, seine Ausdrucksformen und seine theoretische Rezeption aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen zu betrachten, um gleichermaßen nach Gemeinsamkeiten wie Abweichungen zu suchen: Dabei haben die Teilnehmer_innen einen neuen Blick für das bekommen, was andere als „mythisch“ betrachten, und den eigenen Mythosbegriff geschärft.

Der Tagungsband wird 2018 erscheinen.

Referent_innen

Prof. Dr. Susanne Gödde (München)
Athen und Theben. Antike Gründungsmythen im Spannungsfeld von Ideologie und Subversion (Abendvortrag)

Robin Auer und Maria Krümpelmann (Heidelberg)
Ein Mythos im Reagenzglas: Tolkiens Mittelerde

Julien Bobineau (Würzburg)
Auf Lumumbas Spuren. Ein afrikanischer Mythos und seine Geschichte

Marlene Deibl (Wien)
Mythos und Repräsentationskritik: Der iconic turn bei Platon und Ibn Arabi

Choong-Su Han (Freiburg)
Mythos als ‚Grundlage des Lebens‘ bei Nietzsche und Heidegger

Mihail-George Hâncu (Bukarest/Hamburg)
Die Terminologie der vorsokratischen Schöpfungsmythen

Jennifer Hartmann (Göttingen)
Die Leistungsfähigkeit der Kategorie des Mythos für die christliche Wirklichkeitswahrnehmung – Mätyrerakten im spätantiken Christentum

Isabella Heil (Frankfurt)
Latiar und visceratio – die Neinszenierung des Mythos im Ritual

Thomas Robak (Erfurt)
Über den metaphorischen Gebrauch mythologischer und religiöser Lexik in profaner Mediensprache

Dr. Carsten Schmieder (Berlin)
MYTHOS – Begriff zwischen Sprach-, Kultur- und Medienwissenschaften

Susanne Wenger (Graz)
Kategorische Paradigmen des Mythischen im Nibelungenlied

Julia Wirth (Frankfurt)
Roland Barthes’ Mythenkonzept und die Unsterblichkeit Karls des Großen